18 DEC 2017

https://transkript.de/news/schwarm-glaubt-an-co2-kraftwerk-fuer-zu-hause.html

Eine kleine Firma in Rostock will auf dem Energiemarkt für Furore sorgen. Die Idee des Teams von Gensoric: ein enzymbasierter Energiespeicher für jeden Privathaushalt. Eine jüngst erfolgreich abgeschlossene Crowdinvesting-Kampagne zeigt, dass die Idee Charme hat.

Am Anfang hatten wir viel zu tun, alle Fragen zu unserer Kampagne zu beantworten“, sagt Christoph Herz, Leiter der Reaktor­ent­wicklung bei der Gensoric GmbH in Rostock. Viele Kommentare sind mit skeptisch-optimistisch am besten umschrieben. „Es gibt einige Zweifel, was den Einsatz von Enzymen im Energiesektor angeht“, so Herz weiter. Aber offenbar hat die Überzeugungsarbeit gefruchtet, denn von Juni bis Oktober 2017 kam bei dem Crowdinvesting auf der Plattform Deutsche Mikroinvest ein mittlerer sechsstelliger Betrag zusammen. Das Ziel von 950.000 Euro wurde zwar verfehlt, aber an der Ostseeküste überwiegt die Zufriedenheit. „Wir sehen das große Potential unseres Ansatzes und glauben daran, dass wir die Welt und unser Land ein wenig verbessern können“, bedankt sich das Team bei seinen Schwarminvestoren. 

Kohlendioxid aus der Luft nutzen

Im Kern geht es bei der Technologie um die dezentrale Produktion von Methanol als Energiespeicher. Genutzt wird dafür atmosphärisches Kohlendioxid und regenerativ erzeugter Strom. „Energiespeicherung ist heutzutage noch kein großes Thema. Mit dem Auslaufen der Einspeisevergütung für grünen Strom bis 2020 wird sich das aber ändern“, ist Herz überzeugt. Sunfire aus Dresden setzt auf ein 

ähnliches Prinzip, konzentriert sich jedoch auf große Anlagen in der Nähe von industriellen CO2-Quellen. Andere Energiespeichertechnologien setzen hingegen auf das Gas Methan statt auf die Flüssigkeit Methanol. Der kurzkettige Alkohol sei jedoch extrem vielseitig und könne leichter gelagert werden als Methan. Er könne verbrannt werden, um Wärme zu liefern, Elek­trizität zu erzeugen oder ein Fahrzeug anzutreiben, zählt Herz die Einsatzmöglichkeiten auf. 

Dass die derzeit kühlschrankgroße Gensoric-Anlage einmal im Keller von Einfamilienhäusern und Wohnungsbaugenossenschaften stehen soll (und nicht in Industrieparks), liegt an einer Kernkompetenz von Gensoric. Die Elektrochemie-Firma ist kein Start-up, das von Null anfängt. Sie hat mit dem Thermalab bereits ein Gerät auf dem Markt, mit dem die Synthese und die Analyse von chemischen Reaktionen verbessert werden kann. „Wir beschleunigen die Reaktionen örtlich eingegrenzt an der Elektrodenoberfläche, weil wir diese direkt aufheizen können“, erläutert Herz. „Weil wir nicht das Gesamtsystem, wie zum Beispiel einen kompletten Bioreaktor, erwärmen müssen, benötigen wir relativ wenig Energie für den Prozess.“ Da das Prinzip so gut funktioniert, begab sich das Gensoric-Team vor drei Jahren auf die Suche nach einer konkreten Anwendung – und blieb bei der Methanolproduktion hängen.

Mit Biomethanol über den See schippern

In der Natur wird vorzugsweise Methanol zu Kohlendioxid verstoffwechselt. Gensoric geht den umgekehrten Weg. Die drei zentralen Enzyme Formiatdehydrogenase, Formaldehyddehydrogenase und Alkoholdehydrogenase werden dafür in einer auswechselbaren Kartusche untergebracht. Wird die Kartusche in das kleine Kraftwerk mit angeschlossener Kohlendioxidaufbereitung geschoben, legen die Enzyme los. Bis Ende Oktober konnte man sich von dem ersten Proto­typen am Baldeneysee in Essen ein Bild machen. Dort zeigte der Energiekonzern Innogy mit dem methanol-betriebenen Fahrgastschiff MS Innogy seine Kompetenz in Sachen grüne Energie. Ein kleiner Teil des Treibstoffes stammte dabei von Gensorics Anlage, die im Informationspavillon unweit des Laufwasserkraftwerks stand. 

Derzeit wird bereits mit Hochdruck an der zweiten Anlagengeneration gearbeitet. Das technische System ist für eine Produktion von maximal 5 kg Methanol am Tag ausgelegt. Knackpunkt sind momentan die Enzyme. „Hier sehen wir noch viel Optimierungspotential“, erläutert Herz. „Unser Ziel ist, dass man die Kartusche mit den Enzymen höchstens aller sechs Monate wechseln muss. Das ist kein Hexenwerk.“ Unterstützung kommt bei diesem Thema unter anderem vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Straubing.  

Das über das Crowdinvesting eingesammelte Geld steckt Gensoric in die 30% Kofinanzierung für ein laufendes Phase 2-KMU-Instrument der Europäischen Union. Das Projekt läuft von Juli 2016 bis Juni 2018 und hat ein Volumen von 2,5 Mio. Euro. 1,7 Mio. Euro werden als Zuschuss gewährt. Als nächstes werden die Erkenntnisse aus der Baldeney-Anlage ausgewertet. In den kommenden ein bis zwei Jahren sollen noch weitere Pilotanlagen errichtet werden. Dann, so hofft man in Rostock, ist man bereit, das CO2-Kraftwerk für zu Hause zu bauen.

Erschienen in |transkript 12/17.

(Quelle: https://transkript.de/news/schwarm-glaubt-an-co2-kraftwerk-fuer-zu-hause.html)